Quelle: http://www.kn-online.de/htm/aktuell/politik/c-alb_lin1_ART.htm
Kieler Nachrichten vom 29.05.2001
"Die Menschenwürde ist die Grenze"
KN: Wäre es nicht auch aus christlicher Sicht ethisch vertretbar, die
PID für die Erkennung schwerer Erbkrankheiten einzusetzen?
Hüppe: Entweder man lässt PID zu oder man lässt sie nicht zu. Da gibt
es keinen Kompromiss. Jeder, der PID eingeschränkt zulassen will, muss
sagen, wie er sie denn einschränken will. Er muss sagen, für welche
Behinderung sie zugelassen sein soll. Anders formuliert: Welche
Behinderung er für lebenswert hält oder nicht. Niemand aus den Reihen
der Befürworter sagt aber beispielsweise offen: Wir wollen keine Kinder
mehr mit Down-Syndrom. Es geht um die Frage, ob man Selektion zulässt.
Der frühere Bundespräsident Roman Herzog, Christdemokrat, hat einen
Fall genannt: Mukoviszidose...
Warum bei dieser Krankheit? Damit hätte man etwa Chopin auch
umgebracht. Ich habe vor kurzem mit dem Geschäftsführer des
Mukoviszidose-Verbandes gesprochen. Der sagt: Als er achtzehn war,
haben ihm die Ärzte zwei Jahre Lebenserwartung gegeben. Als er 35 war,
seien es fünf gewesen. Er sei einer der wenigen Menschen auf der Welt,
die mit wachsendem Alter eine immer höhere Lebenserwartung bekommen -
wegen des medizinischen Fortschritts.
Ist medizinische Vorsorge gleichzusetzen mit Selektion?
Was ist das denn anderes? Man trennt die "Guten" von den "Schlechten".
Eine Frau, die normalerweise schwanger werden könnte, lässt sich auf
einen Prozess ein, der gesundheitlich gefährlich ist und dann sucht man
das Richtige aus. Zudem: Die Zahlen sind objektiv schlecht. Nur jede
siebte Frau bekommt in diesen Fällen überhaupt ein Kind. Die jüngste
breitangelegte Studie über PID ist eindeutig: 886 Paare haben sich
beteiligt, von denen nur 123 Paare insgesamt 162 Kinder bekommen haben.
Die Abort-Rate, weil das Ergebnis dann doch nicht gestimmt hat, war
enorm hoch, nämlich 25 Prozent. Insgesamt hat man fast 6500 Embryonen
produzieren müssen. Das ist für mich ein Wahnsinns-Menschenverbrauch.
Der CDU-Vorstand hat sich nicht festgelegt. Sehen Sie eine Mehrheit in
Ihrer Partei für die restriktive Haltung?
Ich denke, dass die Mehrheit auf Seiten der geltenden Rechtslage sein
wird. Das Embryonenschutzgesetz haben wir vor zehn Jahren einstimmig in
der Partei mitgetragen" es gibt entsprechende Parteitagsbeschlüsse.
Jetzt kann man nicht sagen: Die Menschenwürde zählt nicht mehr, weil
wir jetzt einen anderen Zweck der Forschung erkannt haben. Man kann
nicht nach dem Motto "der Zweck heiligt die Mittel" die Menschenwürde
neu definieren. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass sich die CDU auf
das "C" besinnt. Die Menschenwürde ist die Grenze. Wir müssen zu
unseren Grundsätzen stehen.
Interview: Frank Lindscheid
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