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Christdemokraten für das Leben
Landesverband Baden-Württemberg

 

Vortrag von Jürgen Liminski bei der Landesmitgliederversammlung der CDL Baden-Württemberg in Donaueschingen am 12. 07. 2003

Erziehung ist mehr als Betreuung

Und Familie mehr als eine Keimzelle. Familienpolitik in Deutschland, Frankreich und Skandinavien

Lieber Herr Dichgans, liebe Julia Schätzle, meine Damen,meine Herren,

ich darf mich zunächst ganz herzlich für die Einladung bedanken, vor diesem engagierten Auditorium zu sprechen. Es ist immer spannend mit Menschen zu diskutieren, die etwas von der Materie verstehen und damit meine ich nicht nur die Zahlen, die Politiker gerne zitieren, wenn sie von familienpolitischen Maßnahmen sprechen, sondern ich meine das wirkliche Leben, das Leben in Familien draußen, wie man sagt, und nicht nur im Berliner Biotop. Ich freue mich auch, daß die Zeit begrenzt ist, denn, hier muß ich mich etwas outen, in der Diskussion stiehlt mir meine Frau regelmäßig die Schau. Sie erntet nach wenigen Sätzen Applaus, vielleicht weil sie die besseren, lebensnäheren Ideen hat und ich tröste mich dann immer mit dem Satz von Blaise Pascal, das Herz kennt Gründe, die der Verstand nicht begreift. Nun, falls die Zeit noch für eine Diskussion reicht, wir stehen beide gerne zur Verfügung.

Ich werde nun zuerst kurz über das, was die Familie der Gesellschaft und damit übrigens auch der Wirtschaft bringt, sprechen, Wirtschaft ist ja unser Schicksal, meinte schon Rathenau, was die Sache nicht besser macht, dann über die Antwort von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und den Fetisch Vereinbarkeit reden, und drittens einen Blick über die Grenze nach Frankreich und Skandinavien werfen. Sie werden mir etwa eine knappe Stunde zuhören müssen. Ich hoffe, ich kann Sie auch etwas unterhalten.

Die alten Griechen, zum Beispiel Aristoteles in der Politeia, unterschieden deutlich zwischen der Ökonomie auf der einen Seite, der Wissenschaft vom Haushalten, oikos, das Haus, es ging um die Hausgemeinschaft, um Personen und der chrematomie, der Suche nach den Dingen, den chremata, also das organisierte Anhäufen von Reichtum. Zum einen also die Personen, zum anderen die Dinge. Es ist klar, daß die chrematomie eher dem Kapitalismus entspricht, die Ökonomie dagegen eher der  sozialen Marktwirtschaft. Der große neoliberale Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat das einmal in den Satz verdichtet: „Die zwei wichtigsten Institute einer freien Gesellschaft sind erstens das private Eigentum und zweitens die Familie.“ Wie es scheint, sind diese Zusammenhänge verloren gegangen. Die Politik sucht nur noch nach Reichtümern, sprich Steuergeldern und das Problem ist, daß sie auch die Macht dazu hat. Familie ist für die Politik ein Kostenfaktor und Kostengänger. Nur sonntags oder kurz vor Wahlen, da kümmert man sich intensiver um die Familie, weil sie ja auch Stimmen hat. Dann verspricht man ihr sozusagen den Himmel auf Erden. Aber die Vertreibung aus diesem Paradies lässt nicht lange auf sich warten, ja sie lässt sich sogar auf den Tag genau festlegen. Am 23.September 2002 war es wieder soweit. Da wurden die Familien aus dem politischen Garten Eden vertrieben, auch ohne Sündenfall. Und wenn sich die Wahlen erneut  nähern, werden die Götter auf dem Berliner Olymp wieder das Paradies auf Erden versprechen. Das hat viele Namen: Mehr Kindergeld, Familiengeld, Erziehungslohn, mehr Plätze im  Kindergarten, mehr Lehrer, mehr Flexibilität in den Betrieben, mehr Teilzeit-Jobs, weniger Steuern und Sozialabgaben für Familien, mehr Gerechtigkeit, bessere Vereinbarkeit. Mehr, besser, alles – das Paradies eben.

 

Aber die Familie muß jetzt leben. Junge Leute wollen und müssen jetzt planen. Das Warten am Zaun zum Paradies ist kein Lebenskonzept. Schrittweise würde man sich dem großen Ziel nähern, behaupten die Berliner Olympiken und sie übersehen, daß die Familie ein Motor des Konsums und damit der Produktion ist. Ihre Mißachtung oder Ausbeutung und die Aufwertung angeblich kaufkräftiger Singles hat zunächst mit dazu beigetragen, daß weniger Kinder geboren werden. Es gibt den Zusammenhang zwischen Geld und Fertilität. Neunzig Prozent der Paare, die Kinder wollten und dennoch keine oder nur eins bekommen, geben als Grund die Kosten an. Das ist verständlich. Niemand wird gern freiwillig arm. Das demographische Defizit, beziehungsweise die Veralterung der Gesellschaft hat unmittelbare Folgen für die Wirtschaft. Zum Beispiel den Wohnungsbau. In großen Städten bestehen die Haushalte zur Hälfte bereits aus Einzelpersonen. In Berlin, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf, München bestimmen Singles, Dinks (Double income no kids – doppeltes Einkommen, keine Kinder) und Oldies die Wohnstruktur und den Markt. Und mit dem Markt auch das öffentliche Leben und Lebensgefühl, wenigstens in den Medien. Es ist geradezu symptomatisch, wie sehr der Anteil von Börsennachrichten in den Medien gestiegen ist, auch beim DLF. Früher fünf bis zehn Minuten, heute mindestens eine halbe Stunde. Untrügliche Zeichen der neuen Zeit sind auch: Tiefkühlprodukte boomen durch alle Konjunkturzyklen hinweg, Babyartikel werden zu Ladenhütern oder bestenfalls zu Exportartikeln. Es erscheinen auch die ersten Artikel, zum Beispiel Mitte Juni  in der WELT, die Zusammenhänge herstellen zwischen Alterung und Wachstum, zwischen Börse und Geburten. Ich darf zitieren: „Wegen der demographischen Entwicklung kann das Wirtschaftswachstum in Europa langfristig um bis zu 1,5 Prozent jährlich gedrückt werden. Ohne ökonomisches Wachstum fällt es Unternehmen aber schwer, ihre Umsätze und Gewinne zu erhöhen. Das sind schlechte Nachrichten für Anleger, die auf steigende Dividende und Aktienkurse hoffen. Aber auch Anleihebesitzer könnten eine unangenehme Überraschung erleben. Falls die Staaten ihre Verschuldung erhöhen müssen, um die Sozialsysteme zu retten, könnte dies mit hochschnellenden Renditen einhergehen. Steigende Rendite indes bringen einen Verfall der Bondnotierungen mit sich.“ Zitat Ende.

 

All das sind Spekulationen, begründete und plausible Spekulationen. Man könnte sie fortsetzen. Professor Horst Siebert etwa, bis vor kurzem Direktor des Kieler Weltwirtschaftsinstituts und einer der fünf Weisen, hat mehrfach darauf hingewiesen, daß mit der Alterung der Konsum sinkt, die Innovationskraft nachlässt und die Kosten der Sozialsysteme steigen. Der Bamberger Bevölkerungswissenschaftler Josef Schmid schrieb, daß die Innovationspotentiale für die permanente technologische Revolution, und damit für die Konkurrenzfähigkeit, vor allem bei den Jahrgängen zwischen 18 und 35 liegen. Die aber hätten sich in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland halbiert. Wir befinden uns bereits auf einer schiefen Ebene. Aber der Neigungswinkel ist noch so sanft, daß man den Zusammenhang zwischen dem Wohl der Familie und dem Gemeinwohl verdrängen kann, ohne sich lächerlich zu machen. In etwa sieben, acht Jahren wird das anders sein. In Frankreich ist bereits ein Buch erschienen mit dem Titel „Le Choc de 2006“ von Michel Godet, der diesen Zusammenhang thematisiert und auch Linien zur Ehe und Scheidung zieht.  Auch in Deutschland boomen die Scheidungsziffern. Das letzte statistisch erfasste Jahr (2001) erlebte einen traurigen Doppelrekord: Noch nie gab es so viele Scheidungen (197.500), noch nie so wenig Eheschließungen. Die Bindungsangst geht um. Das ist der späte Fluch der Spaßgesellschaft.

 

Gegen diese Misere, gegen diese Umbrüche und Verwerfungen in der Gesellschaft hilft nur die Familie. Diese Institution ist grundlegend, zum einen für die freiheitliche Verfasstheit der Republik – Montesquieu: Ohne Familie keine wirksame Erziehung, ohne Erziehung keine Persönlichkeit, ohne Persönlichkeit keine Freiheit – zum anderen auch für die Wirtschaft, siehe Hayek. Auch die Politik scheint jetzt langsam diesen Zusammenhang zu entdecken. In dieser Woche meinte die Familienministerin, die Bundesregierung werde jetzt eine Kampagne für mehr Familienfreundlichkeit in Wirtschaft und Gesellschaft starten, man wolle eine aktive Bevölkerungspolitik betreiben. Auf einmal. Wer es gewagt hätte, vor ein paar Jahren, ja Monaten mit dieser Idee aufzutreten, wäre mit der Frage konfrontiert worden, ob er das Mutterkreuz wieder einführen wolle. Ein Herr Stoiber hat es vor zwei Jahren versucht und schnell fallen lassen, als der Wind im Blätterwald zu säuseln anfing. Aber jetzt spricht auch der Supergutachter Professor Rürup nach langen Überlegungen eine simple Wahrheit aus, die Sie und ich schon lange kennen: Es fehlen Kinder. Es fehlen übrigens genau die Kinder, die nach offiziellen Angaben – nach inoffiziellen wären es mindestens doppelt so viel - in den Jahren seit dem Pillenknick abgetrieben worden sind, etwa 4 Millionen. Mit diesen Kindern gäbe es heute mehr erwachsene Beitrags- und Steuerzahler und natürlich auch mehr Kinder, weil diese Erwachsene vermutlich auch zum Teil Eltern wären. Es gäbe mehr Konsum, mehr Produktion, mehr Wachstum. Und weniger Arbeitslose. Wenn man die Faustregel für die Berechnung von Beschäftigung aufgrund der Kinderzahl heranzieht, dann gäbe es vermutlich zwei bis drei Millionen Arbeitslose weniger. Diese Faustregel ist nicht zwingend, aber sie wird zur Zeit wissenschaftlich untersucht.

 

Die Politik entdeckt die fehlenden Kinder. Aber es ist noch ein weiter, ein langer Weg, bis sie auch entdeckt, was zum demographischen Defizit beigetragen hat. Es ist auch fraglich, ob sie diese Ursachen überhaupt sehen wird, denn sie ist – in allen Parteien – mit großen Scheuklappen unterwegs. Bei der CDU sind diese ideologischen Klappen weniger groß, aber dennoch hinderlich. Und familienpolitisch Blinde gibt es in dieser Partei auch. Immerhin, es lassen sich einige interessante Vorschläge ausmachen.

 

Natürlich sind die Ansätze an Erkenntnis in der Politik erfreulich. Sie reichen aber bei weitem nicht aus, um eine Wende, einen Bewußtseinswandel oder „Mentalitätsänderungen“, wie Frau Schmidt sagt, herbeizuführen. Die Politik steht diesem Wandel selbst im Weg. Denn sie hat die Betreuung zum Nonplusultra ihrer Familienpolitik gemacht, ohne an die tiefere Ursache, die Schaffung von Humankapital durch Liebe und Erziehung, zu denken. Das ist nach wie vor Tabu. Liebe und Erziehung, das kostet Zeit. Es ist aber das, was Kinder sich am meisten von ihren Eltern wünschen. Womit wir eigentlich, wenn wir nur das Kindeswohl im Auge hätten, schon aufhören könnten. Denn die vielen Formen der Betreuung, die die Politik anbietet, sind, um es etwas polemisch zu sagen, oft nicht viel mehr als Programme zur Selbstverwirklichung von Eltern, genauer von Frauen. Noch genauer von Frauen mit dem umgekehrten Nora-Komplex, die Flucht in einen außerhäuslichen Erwerbsberuf. Aber dazu vielleicht mehr in der Diskussion.

 

Sicher, die Geburtenrate zu steigern ist der heimliche – wegen der politischen Korrektheitshysterie in Deutschland allerdings nur konditioniert ausgesprochene  – Wunsch von Politik und Wirtschaft. Frauen sollen in Betrieben arbeiten und dennoch Kinder bekommen. Das braucht man für die Wirtschaft und die Sozialsysteme. Aber ist das auch menschlich oder erinnert es nicht eher an die Zukunftsalpträume von Orwell oder Huxley?

 

Nach allen Umfragen in Deutschland, Österreich, aber auch in Frankreich und in skandinavischen Ländern äußern junge Eltern eine starke Präferenz, ihre Kleinstkinder selbst zu betreuen. Eine Befragung deutscher Mütter durch das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Engelbrech/Jungkunst Anfang 2001) ergab, daß nur 5-7 Prozent der westdeutschen Mütter, die in Partnerschaft leben, mit Kindern unter 7 Jahren auf ihre volle Erwerbstätigkeit setzen. In Ostdeutschland wollen nur noch 17-24 Prozent der dort lebenden Mütter für sich und ihren Mann einen Vollzeitjob.

 

In Deutschland beläuft sich die Frauenerwerbsquote auf 61 Prozent; Das sind überwiegend die Frauen ohne Kinder, mittlerweile fast ein Drittel und bei Akademikerinnen an die vierzig Prozent, die lebenslang kinderlos bleiben. Das sind ferner Frauen, deren Kinder aus dem Haus sind und Frauen  mit Kindern unter 7 Jahren, bei ihnen  liegt der Anteil der Teilzeitarbeit bei über 2/3. Daher auch die Zahlen des Nürnberger Instituts. Sicherlich ist die Erwerbsquote von Frauen und auch von Müttern in Skandinavien höher als in Deutschland, meist zwischen 70 und 80 Prozent, obwohl man auch hier genauer hinschauen sollte. So ist z.B. der Anteil der Teilzeitarbeit bei schwedischen Müttern sehr hoch. Entweder wünschen sich mehr schwedische Mütter mehr Zeit für ihre Familie und ihre Kinder oder sie sind wegen unzureichender Bedingungen der öffentlichen Kinderbetreuung zur Teilzeitarbeit gezwungen. 

 

Auf jeden Fall sollte angesichts der hohen Erwerbsquote schwedischer Mütter mitbedacht werden, daß Paare mit Kindern zumindest in Dänemark und Schweden mehr oder weniger gezwungen sind, beide erwerbstätig zu sein. Bei Steuer- und Abgabenquoten von bis zu 65 Prozent ist ein angemessener Lebensstandard für Familien mit Kind(ern) mit einem Durchschnittseinkommen praktisch nicht machbar. Außerdem ist die Geburtenrate in allen skandinavischen Ländern höher als in Deutschland. In Schweden ist sie allerdings innerhalb von 10 Jahren von 2,14 auf 1,5 Kinder pro Frau , also um knapp 1/3, abgesackt, was zeigt, daß es auch bei flächendeckenden Ganztageseinrichtungen keine Garantie für relativ hohe Geburtenraten gibt.

 

In Deutschland wird nun genau in diese Richtung argumentiert. Es lasse sich zeigen, heißt es, daß Länder mit einer höheren Erwerbsquote von Müttern auch höhere Geburtenraten aufwiesen. Diese Behauptung ist wie ein Axiom, aus ihm leitet man die Notwendigkeit einer besseren Vereinbarung von Familie und außerhäuslicher Erwerbsarbeit ab. Wie eine Monstranz wird das Vereinbarkeitsdogma  in jeder Diskussion vor Kameras und Mikrofone getragen und in der Prozession marschieren alle Parteien mit, nicht hintereinander, sondern in einer Phalanx von Amazonen und alten Schlachtrössern. Und wie sei die höhere Erwerbstätigkeit für Mütter machbar? Durch die (angebliche) Existenz flächendeckender öffentlicher oder öffentlich bezuschußter Ganztageseinrichtungen für Kinder ab dem 4. Lebensmonat bis zur Einschulung und auch danach. Vier Milliarden sollen dafür investiert werden, das Programm wurde im Februar von der rotgrünen Bundesregierung verabschiedet. Hier wird übrigens die Prioritätenordnung sichtbar: Erst der Beruf, dann das Kind. Aber es sollte umgekehrt sein. Der Beruf muß sich dem Kind anpassen. Genau darüber läuft seit ein paar Monaten in den USA, wo es auch flächendeckende Betreuungseinrichtungen gibt, eine heiße Debatte – das Buch „Creating a life –professional woman and the quest for children“ von Sylvia Ann Hewlett hat offenbar einen tiefsitzenden Zentralnerv getroffen.

 

Schaut man sich das skandinavische Panorama  genauer an, ergibt sich ein sehr differenziertes Bild der Betreuungssituation. Erstes Faktum: Der Eigenbeitrag der Eltern zur Betreuung ihrer Kinder spielt eine viel größere Rolle, als unsere Luftraum erobernden – nicht über dem Irak, sondern über Kinderbetten, wohlgemerkt – Familienpolitiker offenbar wissen oder zur Kenntnis nehmen wollen. Zunächst ist festzustellen, daß Familienpolitik und vor allem die staatlichen Leistungen zur finanziellen Absicherung von häuslicher und außerhäuslicher Betreuungszeit in Skandinavien einen sehr viel höheren Stellenwert – gemessen an den zur Verfügung gestellten staatlichen Finanzmitteln – haben als in Deutschland. Mit anderen Worten: Es wird gerade für die sensible Zeit der Betreuung von Kleinkindern bis zur Erreichung des Kindergartenalters sehr viel mehr staatliches Geld ausgegeben. So gibt es eine Lohnersatzleistung, Elterngeld genannt, in praktisch allen nordischen Staaten. Es liegt bei circa 80 Prozent des letzten Einkommens (bei einer Höchstgrenze von 2650 Euro, z.B. in Schweden). Dieses Elterngeld wird in Schweden und Norwegen ein Jahr, in Finnland 9 Monate und in Dänemark mindestens 6 Monate mit verschiedenen Verlängerungsoptionen gezahlt.

 

Diese hohe Lohnersatzleistung ist auch die Haupterklärung für die höhere Beteiligung von Vätern am Elternurlaub in Skandinavien. Ein zusätzlicher Anreiz für Väter ist ferner, daß der sogenannte Vätermonat, wenn er vom Vater nicht in Anspruch genommen wird, in Schweden und in Norwegen seit einigen Jahren ersatzlos entfällt. Die Rotgrünen werden solange mit ihrem Väterprogramm keinen durchschlagenden Erfolg haben, solange sie nicht bereit sind, für eine Abkehr von den lächerlich niedrigen 300 Euro Erziehungsgeld zugunsten eines deutlich höheren Erziehungsgeldes (in Richtung auf ein existenzsicherndes Erziehungseinkommen) zu plädieren. Aber danach sieht es nicht aus. Im Gegenteil, die Bemessungsgrenze für das Erziehungsgeld soll sogar gesenkt werden. Damit trifft man die einkommensschwachen Paare, die sich jetzt erst recht überlegen werden, ob sie noch ein Kind bekommen wollen, es sich leisten können, oder nicht. Ähnlich ist es mit der Eigenheimförderung und dem Haushaltsfreibetrag. Auch hier ideologische Scheuklappen und Sparen als Ersatz für politische Philosophie.

 

Das sieht in Skandinavien anders aus. Nach 12 Monaten Elterngeld erhalten schwedische Mütter oder Väter im Elternurlaub weitere 3 Monate einen Tagessatz von 6,5 Euro (also knapp 200 Euro monatlich). Diese Garantiesumme von 60 Kronen pro Tag erhalten ferner Studenten/-innen, Arbeitslose und Nicht-Erwerbstätige maximal 15 Monate lang statt des hohen Elterngeldes. Darin steckt freilich eine Diskriminierung gegenüber nicht-erwerbstätigen Frauen mit Kind (ern). Immerhin, diese Diskriminierung, die in Deutschland stillschweigend und wie selbstverständlich hingenommen wird, war in Teilen des politischen Spektrums in Schweden schon immer hoch umstritten. So haben die nicht-sozialistischen Parteien gemeinsam schon im Wahlkampf ’88 ein zu versteuerndes Erziehungsgeld in existenzsichernder Höhe für Kinder im Alter von 1-7 Jahren  als Forderung eingebracht, und zwar als Gegenforderung zur Ausweitung des Erziehungsgeldes auf 18 Monate, wie damals von den Sozialdemokraten vorgeschlagen. Dieses Erziehungsgeld sollte an alle Eltern bezahlt werden, unabhängig vom Erwerbsstatus, und mit einem Recht, nachgewiesene Kinderbetreuungskosten bis zu einer Höhe von 15.000 Kronen (das sind etwa 1300 Euro) vom zu versteuernden Einkommen abzusetzen, kombiniert werden. Die Kosten des Programms sollten hauptsächlich durch Senkungen bei den staatlichen Zuschüssen für öffentliche Kinderbetreuung finanziert werden, d.h. durch steigende Kinderbetreuungsgebühren, die bei Einführung einer deutlich höheren Garantiesumme für häusliche Kinderbetreuung ja auch bei Bedarf leichter finanzierbar ist.

 

Unter der christdemokratisch-liberalen Koalitionsregierung von K. Bildt Anfang der 90er Jahre wurde ein allgemeines Erziehungsgeld eingeführt. Nach dem Sturz der Regierung durch die Sozialdemokraten schon nach einem halben Jahr wurde es allerdings wieder abgeschafft. Sehr interessant ist nun eine Neuregelung, die seit 2002 in Kraft ist. Studenten/-innen, Arbeitslose und Nicht-Erwerbstätige, die ein Kind bekommen, erhalten in den 12 Monaten, in denen Erwerbstätige eine Lohnersatzleistung erhalten, nicht mehr nur eine Garantiesumme von 6,5 Euro pro Tag, sondern das doppelte, nämlich 13 Euro, und ab 2004 sogar 180 Kronen, also 20 Euro. Auf den Monat umgerechnet sind das fast 600 Euro Erziehungsgeld. Das gilt sogar noch drei Monate weiter, also  15 Monate lang – wohlgemerkt, für Erziehende, die vor der Geburt ihres Kindes nicht erwerbstätig waren. Diese (für deutsche Verhältnisse) massive Steigerung des bisher stiefmütterlich behandelten Erziehungsgeldes für „Hausfrauen“, die es nach Auskunft von fachlicher Seite angeblich gar nicht mehr gibt, bedeutet einen Paradigmenwechsel der familienpolitischen Grundpositionen auch der regierenden Sozialdemokraten. Es ist kein Almosen von Vater Staat, sondern eine Anerkennung der Erziehungsleistung.

 

Finnlands Familienpolitik wird in deutschen Debatten im allgemeinen überhaupt nicht erwähnt, allerdings sehr zu Unrecht. Spätestens seit Pisa hätte man sich intensiver damit beschäftigen müssen. Finnland verfügt tatsächlich über ein ungewöhnlich differenziertes System zur finanziellen Förderung von Zeiten der Kinderbetreuung. Nach Ablauf des bezahlten Mutterschutzes gibt es - wie in allen anderen nordischen Ländern – das Elterngeld, in Finnland 9 Monate lang. Das Elterngeld liegt - in Abhängigkeit von der Höhe des Einkommens – zwischen 45 und 65 Prozent des letzten Einkommens. Im Anschluß daran gibt es verschiedene Förderungsangebote des Staates. Eltern, die eine Betreuung ihrer Kinder durch dritte Personen wünschen, können entweder einen Betreuungsplatz in staatlichen oder privaten Einrichtungen nachfragen oder sich eine anerkannte Tagesmutter suchen oder selbst mit anderen Eltern eine Betreuungslösung organisieren. In jedem Fall bietet der Staat finanzielle Hilfe an.

 

Diejenigen Eltern, die nach der Phase des Elterngeldes ihre Kinder weiter ganz oder zeitweise zu Hause erziehen wollen, können ein Kinderbetreuungsgeld („child home care allowance“) erhalten, und zwar zunächst bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres ihres jüngsten Kindes. Diese Leistung wird überproportional von Niedrigeinkommensfamilien sowie von niedrig qualifizierten Müttern und von Familien mit mehr als einem Kind unter 7 Jahren in Anspruch genommen. Pro Kind liegt das Familiengeld für häusliche Kinderbetreuung bei 421 Euro (Stand 2002) monatlich. Hinzu kommen 84 Euro für jedes weitere Kind unter 3 Jahren sowie 50 Euro für jedes Kind zwischen 3 und 7 Jahren. Einkommensabhängig kann für ein Kind eine Zusatzleistung in Höhe von 168 Euro pro Monat gewährt werden. Wer sich lieber eine Tagesmutter sucht, bekommt immerhin noch einen Zuschuß von 118 bis 253 Euro.

Von den gesamten staatlichen Ausgaben zur Förderung der Betreuung von Kindern im Alter von 0-3 Jahren entfallen 26 Prozent auf das Elterngeld, 43 (!) Prozent auf das Familiengeld für häusliche Betreuung („häusliches Kinderbetreuungsgeld") und 24 Prozent auf staatlich geförderte Tagesbetreuung durch staatliche und private Stellen (vgl. Ministry of Social Affairs and Health, Finnish Family Policy, Helsinki 1999, S. 16).

Bei einem Blick auf die entsprechenden Ausgabenrelationen für die umfassendere Größe der Betreuung von Kindern von 0-7 Jahren verschieben sich diese Relationen natürlich wegen der Bedeutung des Kindergartens für 3-6-Jährige auf 12 Prozent Elterngeld, 26 Prozent für Familiengeld für häusliche Betreuung und 47 Prozent für staatlich geförderte Tagesbetreuung. Die restlichen 15 Prozent verteilen sich auf andere Betreuungsformen.

Die Besonderheit des finnischen Familiengeldes für häusliche Betreuung ist, daß auch für weitere Kinder zwischen 3 und 7 Jahren eine (geringere) Leistung gewährt wird, solange das jüngste Kind noch nicht 3 Jahre alt ist. Darin unterscheidet sich die finnische Regelung vom norwegischen Betreuungsgeld. Letztlich ist die staatliche Förderung der Betreuung weiterer Kinder unter 7 Jahren ein Anreiz für Familien, die häusliche Betreuungsform zu wählen, wenn sie es so wollen. Es gibt also in Finnland ganz und gar nicht eine Abkehr von staatlicher Förderung familiärer Betreuung von Kleinkindern. Wenn auch das jüngste Kind 3 Jahre alt ist und in den Kindergarten kommt, erlischt im Prinzip dieser Förderungsweg. Es gibt aber Möglichkeiten für Gemeinden, auch Familien mit Kindern im Alter von 3-7 Jahren finanzielle Unterstützungsleistungen zur Betreuung ihrer Kinder zu gewähren. Darüber hinaus werden private Initiativen bei der Organisierung einer gemeinsamen Kinderbetreuung von über 3-Jährigen in Finnland großzügig gefördert.

 

Heute machen die Eltern nur bei 45 Prozent der Kinder von ihrem Recht auf einen Betreuungsplatz Gebrauch. Die meisten 1- bis 2-Jährigen werden nach wie vor zu Hause betreut. Vielleicht liegt hier eine der tieferen Ursachen für den Pisa-Erfolg Finnlands. Erst in der Gruppe der 6-Jährigen geht tatsächlich die große Mehrheit in den Kindergarten. Denn dort können Sie gleichzeitig eine Vorschulerziehung erhalten.

 

Zu Dänemark hier nur eine Bemerkung. Seit 1994 garantiert der dänische Staat Eltern einen Betreuungsplatz für alle Kinder im Alter von 1-5 Jahren. Die rechtliche Garantie gibt es auch in Deutschland, aber dort wie hier ist die Nachfrage bis heute höher als das Platzangebot. Entsprechend gibt es in vielen Gemeinden Wartelisten. Nun haben die Gemeinden in Dänemark die Möglichkeit, Eltern, deren Kind keinen Betreuungsplatz erhält, ein ergänzendes Betreuungsurlaubsgeld zu gewähren. Dieser Zuschuß kann maximal bei 4600 Euro pro Jahr  (Stand ’98)  liegen. Dies ist ein weiteres Indiz für einen pragmatischen Grundzug skandinavischer Familienpolitik, der hier in Deutschland noch gar nicht wahrgenommen worden ist.

 

In Norwegen ist am 1 August 1998 ein Betreuungsgeld eingeführt worden, das an Eltern von 1- bis 2-jährigen Kindern gezahlt wird, für die die Eltern keinen Platz in einer Kinderkrippe in Anspruch nehmen. Das Betreuungsgeld beläuft sich auf 3000 norwegische Kronen oder 425 Euro monatlich und wird maximal 24 Monate gezahlt. Hintergrund dieser Maßnahme sind Klagen von Eltern gewesen, die ihr Kleinkind selbst zuhause erziehen wollen. Sie sahen sich gegenüber jenen Familien ökonomisch benachteiligt, die für ihre Kinder einen Krippenplatz in Anspruch nehmen. Die Höhe des Betreuungsgeldes entspricht genau der Höhe des staatlichen Zuschusses für einen Betreuungsplatz in einer Kinderkrippe. Mit dieser Maßnahme werden Eltern, die ihr Kind im 2. und 3. Lebensjahr selbst zuhause erziehen, wirtschaftlich den Eltern gleichgestellt, die einen Betreuungsplatz für ihr Kind in einer Tageseinrichtung in Anspruch nehmen.

 

Das Betreuungsgeld wird in voller Höhe ausgezahlt – unabhängig von der Höhe des Haushaltseinkommens und auch unabhängig von der Frage, ob die Eltern erwerbstätig sind oder nicht. Damit ist das norwegische Betreuungsgeld in mehrfacher Hinsicht dem deutschen Erziehungsgeld (neu: Elterngeld) überlegen:
1) Während das deutsche Erziehungsgeld nur in den ersten beiden Lebensjahren eines Kindes gezahlt wird, wobei nur ein Bruchteil der Eltern es durchgehend in voller Höhe erhalten, weil es einkommensabhängig ist, wird das norwegische Betreuungsgeld im Anschluß an das hohe Elterngeld  im 1. Lebensjahr des Kindes weitere 2 Jahre lang bis zum Beginn des Kindergartenalters bezahlt.
2) In Deutschland erhalten nur ca. 40 Prozent aller Eltern, die Erziehungsgeld bekommen, das volle Erziehungsgeld über die ganze Periode von 24 Monaten, während in Norwegen alle Eltern ohne Betreuungsplatz das Betreuungsgeld in voller Höhe erhalten.
3) Wenn beide Elternteile in Deutschland Vollzeit erwerbstätig sind, haben sie keinen Anspruch auf das Erziehungsgeld. Anspruch besteht nur bei Teilzeittätigkeit. Seit  2001 gelten hierzu neue Bestimmungen. Dann können Mütter und Väter jeweils bis zu 30 Stunden/wöchentlich erwerbstätig sein, ohne den Erziehungsgeldanspruch zu verlieren. Dagegen wird das Betreuungsgeld in Norwegen an die Eltern völlig unabhängig von der Frage der Erwerbstätigkeit ausgezahlt. Sie können das Geld auch für die Bezahlung einer Tagesmutter verwenden.

Das Betreuungsgeld kann auch mit Krippenbetreuung kombiniert werden. Wird etwa eine Teilzeitbetreuung in einer Kinderkrippe benötigt, so wird das Betreuungsgeld entsprechend gekürzt. Auch hier wieder der Grundzug skandinavischer Familienpolitik: Flexibel und pragmatisch. In Deutschland dagegen ist man starr und ideologisch.  

Die Einführung des Betreuungsgeldes in Norwegen kommt Forderungen nach mehr Wahlfreiheit für Eltern, die in der familienpolitischen Debatte Europas in immer mehr Ländern eine wachsende Rolle spielt, entgegen. Es ist in erster Linie Sache der Eltern zu entscheiden, wie ihr Kind erzogen werden soll. Oft haben sie aber keinen echten Entscheidungsspielraum, wenn der Staat – insbesondere im 2. und 3. Lebensjahr der Kinder – nur eine Variante, nämlich die Betreuung der Kinder in Tageseinrichtungen, fördert. Das war bis vor wenigen Jahren so in allen Ländern Skandinaviens und es war so in der ehemaligen DDR. Und statt Deutschland sich an den neuen Gegebenheiten in Skandinavien orientiert, diskutiert man sich in eine DDR-light hinein.

In Skandinavien gab es  eine Gegenbewegung der Eltern, die die häusliche Erziehung ihrer 1- bis 2-jährigen Kinder der außerhäuslichen Betreuung in Tageseinrichtungen vorziehen. Der überwiegende Teil dieser Eltern konnte auch in Norwegen diesen Wunsch nicht realisieren, weil die Familien den Einkommensverlust, der mit der Entscheidung eines der Elternteile für die häusliche Kinderbetreuung verbunden gewesen wäre, nicht verkraftet hätten. Die Einführung des Betreuungsgeldes in Norwegen erweitert nun die reale Wahlfreiheit von Eltern bei ihrer Entscheidung über die Erziehungsform. Sie müssen jetzt nicht die staatlich hoch subventionierte Betreuung ihres Kleinkindes in einer Tageseinrichtung wählen, sondern sie können sich jetzt auch für die häusliche Betreuung durch die Eltern entscheiden. Zumindest steht dieser Entscheidung ein Gegenwert von 425 Euro monatlich gegenüber. Erreicht wird damit mehr Leistungsgerechtigkeit für alle Eltern. Keine Familie geht nunmehr in dieser Erziehungsphase leer aus.


Eingebettet ist das Betreuungsgeld in Norwegen in das klassische Spektrum familienpolitischer Maßnahmen:
1) Es gibt verschiedene Varianten des Elternurlaubs, wobei das Elterngeld bei einer Laufzeit von 1 Jahr sich auf ca. 80 Prozent des vorher verdienten Einkommens beläuft. Elternurlaub und –geld können zu gleichen Teilen auf Mutter und Vater aufgeteilt werden.
2) Es gibt einen speziellen Vaterurlaub von 4 Wochen, der nur Vätern angeboten wird. Davon machen ca. 80 Prozent aller Väter Gebrauch – allerdings nicht alle in voller Länge.
3) Bei der Geburt eines Kindes leistet der Staat eine Einmalzahlung.
4) Das Kindergeld, das in Norwegen als Familiengeld bezeichnet und zusätzlich zum Elterngeld ausgezahlt wird wird, ist niedriger als in Deutschland. Es liegt bei 95 bis 110 Euro monatlich und wird bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs gezahlt.
5) Es werden erhebliche Zuschüsse zur Errichtung und zum Betrieb von Tagesbetreuungseinrichtungen für Kinder geleistet mit dem Ziel, die Eltern bei den Gebührenzahlungen finanziell zu entlasten.
6) Darüber hinaus existieren Unterstützungsleistungen für einkommensschwache Familien sowie staatliche Angebote zur Familien- und Partnerschaftsbildung.

Die Betreuungsgeldreform wurde von der konservativ-christlichen Regierungskoalition, die bis Oktober 1999 im Amt war, eingeführt. Maßgeblich hat sich dafür die Christlich-Demokratische Partei, die u.a. den Regierungschef und die Familienministerin stellte, eingesetzt. Für sie war entscheidend, daß Familien damit instand gesetzt würden, mehr Zeit dem Familienleben und insbesondere der Betreuung und Erziehung der eigenen Kinder widmen zu können.

Nach 10 Jahren Diskussion war die konservative Regierungskoalition in der Lage, eine parlamentarische Mehrheit für die Einführung des Betreuungsgeldes zu finden, allerdings gegen den Widerstand der oppositionellen Sozialdemokraten. Sie waren dagegen, weil sie befürchteten, daß darunter die Betreuungseinrichtungen und die Gleichstellung der Geschlechter leiden würden. Das Betreuungsgeld widerspräche der Gleichstellungspolitik, weil damit ein Anreiz für Mütter geschaffen würde, nach dem Elternurlaub zunächst weiter zuhause bei den Kindern zu bleiben, was die Arbeitsmarktchancen der Mütter schmälere. Hauptargument der Regierungskoalition war dagegen, daß mit der neuen Maßnahme eine Erweiterung der faktischen Wahlmöglichkeiten geschaffen würde. Mit der kombinierten Förderung von häuslicher und institutioneller Kinderbetreuung sowie mit gleichzeitig erhöhten Staatszuschüssen  für Kindertageseinrichtungen sollte ein Signal dafür gesetzt werden, daß in den Augen der Regierung beide Betreuungsformen positive Wahlentscheidungen darstellen, daß es aber Sache der Eltern ist, die Entscheidung für ihr Kind selbst zu treffen.

 

Im Oktober 1999 bekam Norwegen eine neue – sozialdemokratisch geführte – Regierung. Die für Skandinavien revolutionäre Betreuungsgeldregelung blieb weiter in Kraft. Sie hatte sich bewährt. Die Eltern sind zufriedener, die Geburtenquote stieg an. Sie liegt heute mit  knapp 1,8 Kindern pro Frau leicht unter der Geburtenquote Frankreichs. 

Das Betreuungsgeld – ganz oder gekürzt – erhalten heute ca. 80 Prozent aller Eltern von Kindern im Alter zwischen 1 und 3 Jahren. Bisher haben sich die Befürchtungen der Opponenten dieser Maßnahme nicht bestätigt. Das Betreuungsgeld hat keinen Auszug der Kinder aus den Betreuungseinrichtungen bewirkt. Der Anteil der 1- und 2-jährigen Kinder mit Krippenbetreuung lag 1996 bei 34 Prozent, wobei in dieser Zahl auch die Teilzeitbetreuung enthalten ist.

 

Für die Regierungskoalition – insbesondere die federführende christliche-demokratische Partei – war die Betreuungsgeldreform und die damit verbundene kontroverse Debatte auch ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Wertediskussion. Ziel war nicht nur, Geld für Familien zu mobilisieren, sondern verbesserte Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß mehr Menschen wirklich Zeit haben, Familie zu leben, und daß mehr Eltern kleiner Kinder Zeit und Geld haben, sich als Eltern gegenüber ihren Kindern zu betätigen. Im erdölreichen Norwegen werden die Erdölvorräte oft als wichtigstes Zukunftserbe des Landes bezeichnet. Die Befürworter eines Betreuungsgeldes für Eltern sehen dagegen die Kinder und Jugendlichen als das entscheidende Zukunftskapital der Gesellschaft an. Wenn hier in die Zukunft investiert wird, wird die Gesellschaft in Zukunft reiche Ernte einfahren. Dieser Gedanke ist grundlegend, nicht nur für Norwegen, auch für Deutschland.

alternativ

Auch die Familienpolitik in Norwegen ist sehr viel flexibler, was die Förderung der unterschiedlichen familiären Wünsche hinsichtlich der Kinderbetreuung angeht, als sich das manche Bewunderer/-innen des skandinavischen „Modells“ vorstellen können. Es gibt nach Ablauf eines Jahres Elternurlaub, der mit einem ansehnlichen Elterngeld gekoppelt ist, eben nicht nur ein Angebot des Staates für eine hoch subventionierte Krippenbetreuung, sondern seit dem 1. August 1998 für Eltern von 1- oder 2-jährigen Kindern das Betreuungsgeld in Höhe von 425 Euro (3000 norweg. Kronen) monatlich. Dieses (Teil-) Betreuungsgeld erhalten alle Eltern, die in dem entsprechenden Zeitraum keinen (oder keinen Vollzeit-)Betreuungsplatz in einer öffentlich bezuschußten Krippe in Anspruch nehmen. Zusätzlich erhält die Mutter (oder der Vater) für die Zeit des Betreuungsgeldbezugs eine Rentenanwartschaft in Höhe des durchschnittlichen Erwerbseinkommens. Es gibt also keinen Bruch in der Rentenbiographie.

Den Regierungsangaben zufolge erhalten heute etwa 80 Prozent aller Eltern von Kindern im Alter von 1 bis 3 Jahren das Betreuungsgeld – ganz oder gekürzt. Der Anteil der 1-oder 2-jährigen Kinder mit Krippenbetreuung lag 1996 bei 34 Prozent, wobei in dieser Zahl auch die Teilzeitbetreuung enthalten ist. Bei diesem Anteil ist es bis heute geblieben.

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Einer Broschüre der norwegischen Regierung von Nov. ’98 kann man folgende Erläuterungen entnehmen: „Die Anhänger der Regelung nennen das Erziehungsgeld (= Betreuungsgeld) eine Nothilfe für Familien, die unter großem Zeitdruck stehen und bei denen die mit den Kindern verbrachte Zeit darunter leidet. Die (damals) amtierende Kinder- und Familienministerin Valgerd Svarstad Hangland von der Christlichen Volkspartei sagt ohne Umschweife, daß Kleinkinder in häuslicher Obhut am besten gedeihen.“

Frauen machen fast die Hälfte aller Erwerbstätigen in Norwegen aus. Die durchschnittliche Wochenerwerbsarbeitszeit von Frauen liegt allerdings um 8 Stunden niedriger als die der Männer. Sehr viele Frauen haben also einen Teilzeitjob, um Kinder und Familie bewältigen zu können. In den Chefetagen sind allerdings auch in Norwegen die Frauen rar. Nur 3,5 Prozent der Führungskräfte in norwegischen Unternehmen sind Frauen. Das ist weniger als in den USA, Großbritannien oder auch Spanien. Auf der mittleren Führungsebene beträgt der Anteil der Frauen 7,5 Prozent, auch das eine – gemessen am frauenpolitischen Image Skandinaviens bei deutschen Frauen- und Familienpolitikerinnen – beschämend niedrige Zahl.

In der deutschen Diskussion ist bei familienpolitischen Vergleichen immer von Dänemark und Schweden die Rede. Auch Norwegen wird mit seiner hohen Frauenerwerbsquote und der relativ hohen Geburtenrate gerne zitiert. Die hochinteressante Betreuungsgeldregelung Norwegens, von der wir in Deutschland vorläufig nur „träumen“ können, scheint in den Medien und in der Politik noch weitgehend unbekannt zu sein oder wird schlicht ignoriert, sie passt nicht in das aktuelle Konzept.

 

Drei Gedanken zu Frankreich:

Erstens, die Fakten:  Die Frauenerwerbsquote, Fetisch der deutschen Diskussion, liegt  in Frankreich niedriger als in Deutschland und zwar bei 57 Prozent im Vergleich zu 61 Prozent in Deutschland. Die höhere Geburtenrate von 1,87 Kindern pro Frau korreliert also nicht immer mit einer höheren Frauenerwerbsquote, wie es heute in der deutschen Diskussion suggeriert wird. Sie wird auch nicht gesteigert durch eine erhöhtes Angebot an Betreuungseinrichtungen. Denn in Frankreich ist dieses Angebot dank der Ecoles Maternelles seit Jahrzehnten flächendeckend, wenigstens für die Altersgruppe ab zwei, drei Jahren. Und auch Horte und Krippen gibt es in weit größerer Zahl als in Deutschland.

 

Nein, die höhere Geburtenquote, mit Irland die höchste in der EU, hat mit der Subjektförderung zu tun. In Deutschland frönt man dem sozialistischen Prinzip der Objektförderung. Man investiert in Gebäude, Institute – der Staat soll’s richten. In Frankreich tut man beides. Man fördert die Einrichtungen und gibt den Eltern das Geld in die Hand, man fördert auch Subjekte. Das geschieht auf vielerlei Weise, direkt und indirekt. Die familienpolitischen Maßnahmen enthalten das klassische Repertoire, also Kindergeld (allocations familiales), Wohngeld, Mutterschaftsurlaub, Baby-Rentenjahre, bis hin zu spezifisch französischen Maßnahmen wie Familiensplitting (quotient familial), Familienzulagen, Geburtsbeihilfen (allocations pré-et postnatales), Geburts- und Adoptionsurlaub, Schulbeginnhilfe (allocation de rentrée scolaire), Alleinerziehendenhilfe, Haushaltsgründungsdarlehen, Umzugsprämie oder Renovierungsprämie. Insgesamt sind es rund drei Dutzend einzelne Posten, plus Sondermaßnahmen. Die direkten Maßnahmen machen etwa 40 Milliarden Euro pro Jahr aus, die indirekten wie Familiensplitting ausgenommen. Das sind Schätzungen, es gibt nur wenig Experten in der CNAF, die das System überblicken.

 

Frankreich verfolgt eine klar natalistische Politik, deren Wurzeln bis in das vergangene Jahrhundert hinein zurückzuverfolgen sind. Lange Zeit wurden Familien besonders für das dritte Kind finanziell „belohnt“, für das erste bekamen und bekommen die Eltern nichts, eine Unikum in Europa. Aber insgesamt wurden Familien gerechter behandelt als in anderen Ländern Europas, vor allem in Deutschland. So war während der achtziger Jahre der Gesamtaufwand für direkte finanzielle Leistungen des Staates an die Familien durchweg doppelt so hoch wie in Deutschland oder in Großbritannien. Auch heute geht es den Familien in Frankreich immer noch besser. Für das zweite Kind erhalten die Familien rund hundertzehn Euro, für das dritte weit mehr als doppelt so viel, nämlich 250 Euro, beim vierten sind es 370 Euro und für jedes weitere Kind kommen noch 140 Euro dazu, also 510. Ab dem Alter von zehn Jahren wird das Kindergeld dann erhöht und für Familien mit geringem Einkommen und wenigstens drei Kindern gibt es noch einen Zuschlag. Kinderreiche Familien zahlen in Frankreich kaum oder wenig Steuern, hierzulande immer noch mehr, als es das Existenzminimum zulässt. Nur in Skandinavien und Luxemburg ist das Kindergeld noch höher.

 

Zweitens, das Engagement oder Familienbewußtsein: Die Linksregierung Jospin wollte 1998 das Kindergeld einkommensabhängig gestalten und damit den Familien den finanziellen Hahn abdrehen. Es gab Massenproteste, auf der Straße und in den Medien. Es war der Auftakt zu einer bürgerlichen Protestbewegung gegen die Familienpolitik dieser Regierung, insbesondere der Sozialministerin Martine Aubry. Seither findet jedes Jahr eine nationale Familienkonferenz der Regierung und Verbände statt. Der familienpolitische Diskurs ist geprägt von staatlichem und privatem Interesse. De Gaulle schreibt in seinen Memoiren: „Von allen Investitionen ist die Erhöhung der Bevölkerungszahl in Frankreich zweifellos die wichtigste“. Er schrieb diesen Satz und handelte danach, als Frankreich in Trümmern lag und sich nach deutschem Denken familienpolitische Maßnahmen eigentlich nicht leisten konnte. Aber das ist eine Frage der politischen Prioritätensetzung.

 

Der Diskurs ist übrigens älter als de Gaulle und hat Tradition. Schon vor mehr als hundert Jahren, am 28. Oktober 1898 forderte der Abgeordnete Lemire in der Nationalversammlung die Einführung eines Familiengeldes mit dem Argument der Leistungsgerechtigkeit. Er sagte: „Das, was ich von der Kammer fordere, nenne ich weder Hilfe noch Entschädigung. Denn eine Hilfe wird bei einem drängenden oder vorübergehenden Bedarf gewährt, und eine Entschädigung erhält man für einen Verlust. Eine Familie zu haben, bedeutet jedoch, weder einen Unfall noch einen Schaden erlitten zu haben. Eine Zuwendung wie das Familiengeld ist eine Gegenleistung für einen Dienst. Die Familie leistet einen sozialen Dienst.“ Zitat Ende. Ich wünschte, das würde heute mal einer im Bundestag sagen. Es gäbe einen Aufschrei und die sattsam bekannte, dümmliche Frage: Wer soll das bezahlen? Der bekannte Professor für Volkswirtschaft, Jean Didier Lecaillon, meinte auf dem Straßburger Kongress Familie als Beruf vor gut zwei Jahren zu diesem Denken: „Ökonomie wird allzu oft mit Rechnungswesen verwechselt. Man betrachtet nur die Höhe einer Ausgabe, ohne zu unterscheiden, ob es sich bei ihr um Konsum oder um Investition handelt. Die wichtigste Frage ist nicht: Wie viel kostet es? Sondern: Wieviel bringt es ein?. Wenn es um die Familie geht, muß man sich darauf einigen können, daß man es im Allgemeinen mit Investitionen zu tun hat.“ Zitat Ende und ich möchte hinzufügen, eine Investition in die wichtigste und immer knapper werdende Ressource in Deutschland, das Humankapital. Es ist eine Frage des Denkens und der Begriffe. Ich darf Ihnen aus einem Aufsatz meiner Frau aus unserem gemeinsamen Buch dazu eine Anekdote vorlesen: Seite 22

 

Selbst Wirtschaftswissenschaftler haben den Wert der emotionalen Stabilität entdeckt und sie als eine Quelle ausgemacht, aus der das Humankapital sich speist. Das Humankapital ist mittlerweile zur wichtigsten weil knapper werdenden Ressource der modernen Wirtschaft avanciert. Humankapital – das sind die grundlegenden Fähigkeiten des Menschen: Das Lernenkönnen, das Miteinander-Umgehen-Können, Ausdauer, nach Lösungen suchen statt zu jammern, Gefühle erkennen und einordnen, Vertrauen schenken ohne naiv zu sein, Alltagsprobleme meistern, es ist die soziale Kompetenz und die Fähigkeit emotionale Intelligenz zu steuern und viele Eigenschaften mehr. Das ist mehr als Wissen. Becker sagt: „Das grundlegende Humanvermögen wird in der Familie erzeugt. Die Schule kann die Familie nicht ersetzen“.

 

Dritter Gedanke: Frankreich verfügt zwar über ein flächendeckendes Betreuungsangebot, aber die Frauenerwerbsquote ist geringer als in Deutschland und die Geburtenzahlen höher. Offensichtlich entscheiden sich viele Frauen für eine Familienphase und zwar in einem Lebensabschnitt, der es ermöglicht, auch mehrere Kinder zu haben und zu erziehen, also nicht erst Ende der dreißig, Anfang vierzig. Und sie haben auch die Wahlfreiheit, dies zu tun. Denn der Staat bemüht sich um Leistungsgerechtigkeit, er belohnt oder entgeltet finanziell. Der Beitrag der Frauen aber misst sich in Zeit. Selbst die Frauen, die neben der Familienarbeit oder dem Familienmanagement einer außerhäuslichen Erwerbsarbeit nachgehen, tun dies meist teilzeitig. Und selbst bei den Frauen, die vollzeitig außer Haus beschäftigt sind, gibt es einen markanten Unterschied zu Deutschland. Der Lebensrhythmus in Frankreich geht von acht bis zwölf und von zwei bis fünf. Zwischen zwölf und vierzehn Uhr gibt es eine Mittagspause. In dieser Pause holen die meisten Mütter ihre Kinder aus den Krippen, Horten und Vorschulen ab. Sie essen zusammen. Sie verbringen Zeit zusammen. Sie kommunizieren bei einer grundlegenden, ja vitalen Tätigkeit. Natürlich geschieht das manchmal unter erheblichem Stress, aber es geschieht. Der gedankliche und emotionale Austausch findet statt, die Beziehung lebt und damit auch die Erziehung. Erlebnisse in den Betreuungsanstalten werden verarbeitet. Die Eltern schenken das, was die Kinder sich am meisten wünschen: Zeit.

 

Ich komme zum Schluß. Sie haben jetzt viele Zahlen gehört, aber man kann sie, wie der große Pädagoge Pestalozzi das mit seinen  Forschungsergebnisse und Erfahrungen in einer Art summa paedagogica zusammenfassen. Nicht die einzelnen Zahlen sind wichtig, sondern die Option, menschliche Beziehung zu gestalten und zu pflegen. Nicht die Betreuung ist entscheidend, sondern die Möglichkeit zu Erziehen. Pestallozi nannte seine Summa die drei großen Z: Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit. Die Zeit ist das wichtigste, ohne sie gibt es keine Zuwendung und keine Zärtlichkeit. Hier liegt der große Unterschied zwischen Erziehung und Betreuung. Betreuung ist satt, sauber, beschäftigt. Erziehung sind die drei Z, das heißt Investition in das Humankapital. „Erziehung ist Beschenkung mit Menschlichkeit“, schreibt Johannes Paul II in seinem Brief an die Familien. Das kann außerhalb der Familie in der Regel nur begrenzt geschehen. Die Ergebnisse der Hirnforschung, die  vor allem in den USA auch mit Blick auf die Erziehung und Bedürfnisse des Kindes vorangetrieben wird, machen immer deutlicher, daß emotionale Stabilität, mithin klare Bezugsrahmen und gleichbleibende Bezugspersonen, für die gesunde Entwicklung des Kindes grundlegend und vital sind. Sie schaffen das Urvertrauen oder die Vitalbindung, die die Daseinskompetenzen ermöglichen. Man sollte das nicht unterschätzen. Es geht hier nicht um ein Plädoyer für eine Mütterideologie, auch zuhause kann Erziehung fehl- oder in elektronische Betreuung umschlagen. Ideologien in diesem Bereich sind meist eben jene Selbstverwirklichungsmethoden, von denen eingangs die Rede war.

 

In einer Studie im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands ist schon vor Jahren festgestellt worden, daß rund 40 Prozent aller Krankheiten psychosomatisch sind, also eine mitverursachende psychische Komponente haben und daß von dieser psychischen Komponente rund fünfzig Prozent in Zusammenhang mit familiären Zerwürfnissen steht. Mit anderen Worten: Ein Fünftel aller Krankheitsfälle wäre vermeidbar, wenn das Familienleben der Betreffenden intakt wäre oder gewesen wäre. Müssen wir uns da nicht fragen, ob wir mit der Ganztagesbetreuung a la DDR massenhaft künftige Krankheitsfälle produzieren? Ich möchte es, abschließend, positiv formulieren: Wer Zeit, Zuwendung  und Zärtlichkeit schenkt, der schenkt Liebe und das ist die beste Medizin für die Seele.

 

Besten Dank für Ihre Geduld.

 

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