I.
Fast täglich erreichen uns atemberaubende Meldungen aus Wissenschaft
und Forschung. Gerade die
sogenannten Lebenswissenschaften lassen uns staunen, in welche Bereiche
der Natur wir vordringen können.
Lange schon hat uns der Fortschritt in Biologie und Medizin nicht mehr
so stark bewegt wie heute.
Krankheiten, die wir für unbesiegbar gehalten hatten, scheinen heilbar
zu werden. Genetische Defekte lassen
sich möglicherweise korrigieren. Neue Pflanzensorten sollen den Hunger
ganzer Weltregionen stillen.
Heute scheinen Menschheitsträume wahr zu werden. Wir werden zu Mitspielern
der Evolution.
Gleichzeitig werden Ängste wach.
Wir erleben ja höchst Widersprüchliches: Einerseits hören
wir, schon bald solle der erste Mensch geklont werden.
Und auf der anderen Seite sind wir nicht imstande, eine seit Jahrhunderten
bekannte Tierseuche in den Griff zu
bekommen.
Wir hören, dass sich menschliche Eigenschaften künftig vorherbestimmen
lassen - und gleichzeitig können wir
nicht verhindern, dass neue Krankheiten sich ausbreiten .
Manche fragen besorgt: Werden wir zu Zauberlehrlingen?
Setzen wir Entwicklungen in Gang, deren Folgen wir weder überblicken
noch beherrschen können?
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Möglichkeiten stellen
uns vor grundsätzliche Fragen:
Wie gehen wir mit der Natur um? Wie gehen wir mit der Gattung Mensch um?
Was bedeutet Fortschritt heute?
Es geht aber auch um ganz praktische Fragen:
Werden in der Forschung und in der Wissenschaft die richtigen Schwerpunkte
gesetzt oder lassen wir uns von
bestimmten Moden leiten?
Kümmern wir uns um die Luxusprobleme von wenigen?
Vernachlässigen wir darüber Forschungsfelder, die für viele
Menschen überlebenswichtig sind?
Hier wirft die Wissenschaft Fragen auf, die uns alle angehen. Sie müssen
in der ganzen Gesellschaft diskutiert
und sie müssen dann politisch entschieden werden - im Parlament.
Gerade die Wissenschaftler, die Forscher und die Ingenieure haben einen
Anspruch auf klare
Rahmenbedingungen. Wir verdanken ihnen viel von dem, was wir gewöhnlich
Lebensqualität nennen. Sie arbeiten
auf vielen Feldern an besseren Lebensbedingungen für uns, auch da,
wo es nicht um spektakuläre Durchbrüche
geht.
Wir alle leben von der Neugier der Forscherinnen und Forscher, von ihrer
beharrlichen Arbeit, von ihrer
Leidenschaft für die Sache. Ihre Leistungen verdienen hohe Anerkennung
und breite Unterstützung. Darum will
ich gerade junge Menschen ermutigen, in Wissenschaft und Forschung zu arbeiten.
Heute möchte ich dazu beitragen, dass wir in all unseren Debatten
Ausschau halten nach dem, was ich das
menschliche Maß nenne. Ich möchte dabei den Blick auf jenen
Bereich der neuen Möglichkeiten richten, in dem die
Veränderungen so dramatisch sind wie sonst nirgendwo - den Umgang
mit dem menschlichen Leben.
II.
Wer von "Maß" spricht, der spricht von Grenzen. Ohne Grenzen, ohne
Begrenzung, gibt es kein Maß.
Aber ist das nicht ein Widerspruch: von Fortschritt und zugleich von Grenzen
zu sprechen? "Denken heißt
überschreiten" - das war das Motto von Ernst Bloch, dem großen
deutschen Philosophen der Hoffnung. Ja:
Denken - forschen, wissen, entdecken - das heißt überschreiten.
Wir wissen aber auch: Jedes Überschreiten von Grenzen stellt uns immer
wieder vor neue: Vor Grenzen der
Erkenntnis, vor Grenzen dessen, was wir Menschen können, vor Grenzen
dessen, was wir verantworten
können. Dafür brauchen wir Maßstäbe, die uns unterscheiden
helfen, was wir tun dürfen und was wir
nicht tun dürfen. Wir müssen uns die nur scheinbar einfache Frage
vorlegen: Was ist gut für den Menschen?
Was aber ist dem Menschen gemäß? Was ist das "Menschliche" am
"menschlichen Maß"? Ist nicht gerade
"das Menschliche" eine sehr vieldeutige Kategorie? In seinem Schauspiel
"Antigone" hat Sophokles vor fast
2.500 Jahren die großen Leistungen und Erfindungen der Menschheit
benannt. Und er fasst sein Staunen darüber
so zusammen: "Ungeheuer ist viel, nichts aber ist ungeheurer als der Mensch".
Heute staunen wir wieder - wie damals Sophokles - über die ungeheuren
Leistungen, die uns Menschen möglich
sind - und manchesmal halten wir erschreckt inne.
III.
Die Antworten auf die Frage: "Was ist gut für den Menschen?" finden
wir weder in der Natur noch in unseren
technischen Möglichkeiten. Wir können sie nur finden, wenn wir
ethische Grundsätze für unser persönliches
Leben und für das Zusammenleben von Menschen formulieren, achten und
selber leben. Ganz gleich, was wir
tun oder nicht tun, wir treffen ja immer wertende Entscheidungen - gewollt
oder unbedacht, bewusst oder
unbewusst.
Auch wenn wir über die neuen Möglichkeiten der Lebenswissenschaften
sprechen, geht es nicht in erster
Linie um wissenschaftliche oder um technische Fragen. Zuerst und zuletzt
geht es um Wertentscheidungen. Wir
müssen wissen, welches Bild vom Menschen wir haben und wie wir leben
wollen.
Ethische Grundsätze zu formulieren, das bedeutet, sich auf Maßstäbe
und auf Grenzen zu verständigen.
Nun ist es immer leicht, die Trauben zu verschmähen, die unerreichbar
hoch hängen. Schwierig ist es, Grenzen da
zu setzen und zu akzeptieren, wo man sie überschreiten könnte
und sie sogar dann zu respektieren, wenn man
dadurch auf bestimmte Vorteile verzichten muss. Ich glaube aber, dass wir
genau das tun müssen.
Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir um keines tatsächlichen oder
vermeintlichen Vorteiles willen tun
dürfen. Tabus sind keine Relikte vormoderner Gesellschaften, keine
Zeichen von Irrationalität. Ja, Tabus
anzuerkennen, das kann ein Ergebnis aufgeklärten Denkens und Handelns
sein.
IV.
In der Diskussion über die Möglichkeiten der Lebenswissenschaften
spielen Hoffnungen eine ganz
große Rolle.
Die Heilung von schweren und schwersten Krankheiten: das ist es, was viele
Menschen sich in erster Linie von
den Fortschritten in der Bio- und Gentechnik versprechen. Viele leiden
so sehr, dass sie und ihre Angehörigen
inständig Heilungsmöglichkeiten und Linderungen herbeisehnen.
Die meisten von uns kennen kranke Menschen, denen unsere Ärztinnen
und Ärzte heute nicht oder nicht genug
helfen können. Wer versteht nicht, dass sie auf jede Entwicklung setzen,
die ihnen Hilfe verspricht?
Überall auf der Welt wird zum Glück an Arzneimitteln und Behandlungsformen
geforscht und gearbeitet, die kranken
Menschen helfen sollen. Das geschieht - mit guten Aussichten - auch mit
solchen Methoden der Bio- und
Gentechnik, die niemanden in Gewissensnöte zu bringen brauchen. Diese
Forschung verdient jede Ermutigung und
Unterstützung.
Es gibt in der Tat große Aufgaben: Denken wir nur an einige Krankheiten,
die uns in unserem Teil der Welt
täglich gegenwärtig sind: Diabetes, Krebs, Multiple Sklerose,
Parkinson, Alzheimer. Vergessen wir aber nicht,
dass in anderen Teilen der Welt Hunderte von Millionen Menschen noch mit
ganz anderen Krankheiten zu kämpfen
haben. Dabei denke ich nicht nur an AIDS, das für weite Teile des
afrikanischen Kontinents eine noch weit größere
Bedrohung ist als für uns, ich denke an Malaria, an Hepatitis oder
an Parasitenbefall, an dem fast die Hälfte
der Weltbevölkerung leidet.
Hier reichen manchmal wenige Mittel, um ganz vielen leidenden Menschen
wirkungsvoll zu helfen. Wenn wir uns
in Wissenschaft und Forschung zusätzlich anstrengen, dann können
wir für Millionen Menschen weltweit
außerordentlich großen Nutzen bringen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir unendlich viel Gutes erreichen
können, ohne dass Forschung und
Wissenschaft sich auf ethisch bedenkliche Felder begeben müssen.
Es gibt viel Raum diesseits des Rubikon.
V.
Wenn ich von manchen Verheißungen angesichts der großen Möglichkeiten
der Lebenswissenschaften höre,
dann erinnert mich das an die Euphorie, die viele in den fünfziger
und sechziger Jahren erfasst hatte. Damals ging
es um die friedliche Nutzung der Atomenergie, die auch ich lange Jahre
für den richtigen Weg gehalten habe.
Damals träumten viele - nicht nur Wissenschaftler - von nie versiegender
Energie zu konkurrenzlos niedrigen
Preisen.
Die Atomenergie sollte alles möglich machen: Wüsten zum Blühen
bringen, Autos zum Fahren und sie sollte
sogar das Sprengen für den Straßenbau erleichtern. Heute staunen
die meisten über so viel Naivität und über so viel
schlichten Glauben an den Fortschritt.
Als der Deutsche Bundestag am 3. Dezember 1959 das Gesetz über die
friedliche Nutzung der Kernenergie
verabschiedete, hat sich ein Abgeordneter der Stimme enthalten. Alle anderen
haben dafür gestimmt. Die
Kernenergie zu nutzen, das erschien als das Selbstverständlichste
von der Welt. An die Brisanz vieler
Probleme, zum Beispiel der Entsorgung, hat man zu wenig gedacht und andere
hat man sich gar nicht erst vorstellen
können. Das sollte uns ein wenig skeptisch machen, wenn neue Technologien
das Paradies auf Erden zu versprechen
scheinen.
Vielleicht hat Ernst Bloch an solche Situationen gedacht, als er einen
Satz Hölderlins umkehrte und warnte: "Wo
aber das Rettende naht, wächst auch die Gefahr".
VI.
Was in der Biotechnologie und in der Fortpflanzungsmedizin geschieht oder
möglich ist, das hat
in einem wesentlichen Punkt eine völlig neue Qualität: Da geht
es nicht mehr allein um technologische Chancen und
Risiken für Mensch und Umwelt. Zum ersten Mal scheint die Menschheit
fähig, den Menschen selber zu verändern,
ja ihn genetisch neu zu entwerfen.
Angesichts der moralischen Dimension dieser Fragen wird es niemanden erstaunen,
dass die Kirchen hier besonders
engagiert sind. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, es handelte sich
dabei um bloße kirchliche Sondermoral.
Man muss ja wahrlich kein gläubiger Christ sein, um zu wissen und
um zu spüren, dass bestimmte Möglichkeiten
und Vorhaben der Bio- und Gentechnik im Widerspruch zu grundlegenden Wertvorstellungen
vom menschlichen
Leben stehen. Diese Wertvorstellungen sind - nicht nur bei uns in Europa
- in einer mehrtausendjährigen
Geschichte entwickelt worden. Sie liegen auch dem schlichten Satz zu Grunde,
der in unserem Grundgesetz
allem anderen vorangestellt ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Diese Wertvorstellungen zieht niemand ausdrücklich in Zweifel. Wir
können es uns aber auch nicht leisten,
ethische Überzeugungen unbewusst oder schweigend aufzugeben oder sie
zur Privatangelegenheit zu erklären.
Wir müssen uns darüber klar sein, was die Folgen wären,
wenn wir den Wertekanon, den wir in einer langen
Geschichte entwickelt haben, als Grundlage allen staatlichen Handelns in
Frage stellten. Würden wir dann
nicht die Gefangenen einer Fortschrittsvorstellung, die den perfekten Menschen
als Maßstab hat? Würden damit
nicht Auslese und schrankenlose Konkurrenz zum obersten Lebensprinzip?
Das wäre eine völlig andere, das wäre eine neue Welt - keine
schöne.
Nach meinem Eindruck haben sich solche Vorstellungen durchaus schon verbreitet.
Das zeigen manche
Argumente, die man zuweilen in der Debatte über Fragen der Gentechnologie
hören kann. Die Optimierung zum
Stärksten und Besten wird zu einer selbstverständlichen Vorstellung.
Wird dann nicht der menschliche Körper
selber zur Ware und zu einem Gegenstand ökonomischen Kalküls?
Selbstverständlich: Wirtschaftliche Argumente haben einen legitimen
Platz in der Debatte über die Nutzung des
medizinischen Fortschritts. Für Arbeitsplätze zu sorgen, für
gesicherte Lebensverhältnisse - das ist natürlich auch
eine ethisch begründete Verpflichtung. Dazu gehört Unternehmergeist.
Dazu gehört das Streben nach
wirtschaftlichem Erfolg. Dazu gehört politische Leistung. Die Teilhabe
aller an Fortschritt und Wohlstand ist ein
Gebot der Gerechtigkeit.
Entscheidend sind aber doch Rangordnung und Gewichtung der Argumente. Wir
sind uns gewiss einig
darüber, dass etwas ethisch Unvertretbares nicht dadurch zulässig
wird, dass es wirtschaftlichen Nutzen
verspricht.
Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen
Argumente.
Zur Ernsthaftigkeit und zur Lauterkeit gehört es aber auch, dass ethische
Argumente nicht dazu missbraucht
werden, andere Interessen durchzusetzen.
VII.
Eine der Schwierigkeiten der Debatte, die wir führen müssen,
liegt darin, dass die wissenschaftlichen und
technischen Entwicklungen so schnell voranschreiten. Wir kommen kaum noch
dazu, ihre Chancen und ihre Risiken
kritisch zu reflektieren. Beschleunigung, wachsender Zeitdruck sind aber
selbstgemachte Sachzwänge, denen
wir uns nicht ausliefern dürfen. Ethische Reflektion darf nicht zum
moralischen Deckmantel für längst getroffene
Entscheidungen verkommen.
Nachdenken kann man nur, wenn zwischen Entdeckung und Anwendung Zeit bleibt,
wenn wir die möglichen
Folgen bedenken können, bevor sie eingetreten sind. Es hat ja gute
Gründe, dass zum Beispiel Medikamente erst
nach angemessener Zeit und nach sorgfältiger Prüfung für
die allgemeine Praxis zugelassen werden.
Wo kommen wir hin, wenn wir über gravierende Veränderungen erst
dann nachdenken können, wenn sie
schon längst eingetreten sind?
VIII.
Bei uns in Deutschland darf an Embryonen nicht geforscht werden. Das haben
die Abgeordneten des Deutschen
Bundestages aus ganz unterschiedlichen Überzeugungen heraus im Jahre
1990 beschlossen. Sie haben als Beginn
des schutzwürdigen menschlichen Lebens die befruchtete Eizelle festgelegt.
Wer die Auffassung nicht teilt, dass menschliches Leben mit diesem Zeitpunkt
beginnt, der muss die Frage
beantworten: Ab welchem anderen Zeitpunkt sollte menschliches Leben absolut
geschützt werden? Und
warum genau erst ab diesem späteren Zeitpunkt?
Wäre nicht jede solche andere Grenzziehung willkürlich und dem
Druck auf neuerliche Veränderung ausgesetzt?
Bestünde nicht die Gefahr, dass andere Interessen dann höher
rangierten als der Schutz des Lebens? Nicht jedem
scheint klar zu sein, was das über diese spezielle Debatte hinaus
bedeutet. Es würde bedeuten, das ethisch
Verantwortbare stets neu den technischen Möglichkeiten anzupassen.
Auch hochrangige Ziele wissenschaftlicher
Forschung dürfen nicht darüber bestimmen, ab wann menschliches
Leben geschützt werden soll.
IX.
Manche fordern, dass auch in Deutschland die Präimplantationsdiagnostik,
kurz PID, erlaubt werden soll.
Dabei geht es um die Frage: Soll bei einer künstlichen Befruchtung
ein Embryo auf genetische Schäden
untersucht werden, bevor er in den Körper einer Frau eingepflanzt
wird? Darf der Embryo beseitigt oder darf er
verwertet werden, wenn solcher Schaden festgestellt wird?
Dieses Verfahren - so sagen seine Befürworter - soll nur in ganz wenigen
Fällen angewendet werden, nämlich bei
Paaren, bei denen mit schweren Erbschäden gerechnet werden muss. Selbst
nach Auffassung ihrer Befürworter
handelt es sich also um eine Methode, die so problematisch ist, dass sie
nur ganz selten eingesetzt
werden soll - obwohl sie in tausenden von Fällen angewendet werden
könnte.
Aber müssen wir nicht fragen:
Wäre eine solche Beschränkung einzuhalten, wenn die Erlaubnis
einmal grundsätzlich gegeben ist? Widerspricht
das nicht aller Lebenserfahrung? Und muss man deshalb nicht die Befürchtungen
jener verstehen, die glauben,
dass mit dieser neuen Form von Diagnostik die Tür geöffnet wird
oder geöffnet werden soll zu ganz anderen
Zielen. Nun wird gesagt, die PID könne man schon deswegen nicht verbieten,
weil bei uns jedes Jahr
Tausende von Abtreibungen straflos bleiben. Dieses Argument übersieht,
dass es sich hier um zwei vollkommen
unterschiedliche Sachverhalte handelt.
Erinnern wir uns an die schwierige Debatte zum Paragraf 218: Eine breite
Mehrheit der Abgeordneten des
Deutschen Bundestages war der Überzeugung, dass das Leben des Kindes
nicht gegen den Willen der Frau
geschützt werden kann und dass Beratung und praktische Unterstützung
das Leben besser schützen als
Strafandrohung. Darum stellt der Paragraf 218 eine Abtreibung unter bestimmten
Bedingungen straffrei.
Er ist also kein Argument für die Präimplantationsdiagnostik,
denn er zielt auf die unvergleichbare
Konfliktsituation während einer Schwangerschaft. Er rechtfertigt keine
Praxis, die das Tor
weit öffnet für biologische Selektion, für eine Zeugung
auf Probe.
X.
Kinder sind ein Geschenk. Ich weiß, wie bitter es für viele
ist, wenn sie keine Kinder bekommen können.
Wenn es die Möglichkeit gibt, Kinder künstlich zu erzeugen oder
die genetischen Anlagen eines Embryos zu testen -
entsteht dann nicht leicht eine Haltung, dass jede und jeder, der eigene
Kinder bekommen will, auch das Recht
dazu habe - und zwar sogar das Recht auf gesunde Kinder? Wo bisher unerfüllbare
Wünsche erfüllbar werden
oder erfüllbar scheinen, da entsteht daraus schnell ein Anschein von
Recht.
Wir wissen aber doch, dass es ein solches Recht nicht gibt. Noch so verständliche
Wünsche und Sehnsüchte
sind keine Rechte. Es gibt kein Recht auf Kinder. Aber es gibt sehr wohl
ein Recht der Kinder auf liebende Eltern -
und vor allem das Recht darauf, um ihrer selbst willen zur Welt zu kommen
und geliebt zu werden.
XI.
Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Einzelnen gehören
spätestens seit der Aufklärung zu
den großen Errungenschaften unserer Zivilisation.
Die Entscheidungsfreiheit des einzelnen hat herausragende Bedeutung. Das
darf uns den Blick nicht
dafür verstellen, dass auch Selbstbestimmung an Voraussetzungen gebunden
ist und dass sie Grenzen hat.
Wir sollten auch bedenken: Nicht jede zusätzliche Wahlmöglichkeit
führt automatisch zu mehr Freiheit. Das
gilt auch für den medizinischen Fortschritt. Was wie freie Selbstbestimmung
aussieht, kann sich umkehren in
faktischen Zwang.
Das wird besonders deutlich, wenn wir an das denken, was moderne Diagnosemöglichkeiten
für unseren Umgang
mit Behinderungen bedeuten könnten. Wird nicht in Zukunft immer häufiger
die Frage gestellt werden, ob es
denn nötig gewesen sei, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen?
Heute sei doch niemand mehr dazu gezwungen.
Wird so Behinderung vorwerfbar werden? Wird sie als Schädigung der
Gesellschaft verstanden werden?
XII.
Wie scheinbare Selbstbestimmung neue Zwänge erzeugen kann, das lässt
sich an einem Beispiel aus jüngster Zeit
zeigen. In den Niederlanden ist kürzlich die gesetzliche Grundlage
für aktive Sterbehilfe geschaffen worden.
Umfragen weisen darauf hin, dass es auch bei uns für eine solche Regelung
eine weit verbreitete Stimmung gibt.
Auch in dieser Diskussion wird die Selbstbestimmung des Menschen, seine
Autonomie, als wichtigstes Argument
genannt.
Wo es um das Ende des eigenen Lebens geht, scheint dieses Argument auf
den ersten Blick besonders zu
überzeugen. Aber gilt nicht, was ein Arzt vor kurzem so formuliert
hat: "Wo das Weiterleben nur eine von zwei
legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die
Last seines Weiterlebens aufbürdet".
Was die Selbstbestimmung des Menschen zu stärken scheint, kann ihn
in Wahrheit erpressbar machen.
Dem steht das Argument entgegen, man dürfe etwas nicht allein deshalb
verbieten, weil es zu ungewollten
schlimmen Konsequenzen oder auf eine schiefe Bahn führen könne.
Entsprechende Regelungen könnten
Fehlentwicklungen verhindern.
Spricht aber nicht sehr viel gegen die Hoffnung, dass Fehlentwicklungen
oder gar Missbrauch sich aufhalten
ließen? Das ist keine akademische Frage. In den Niederlanden berufen
sich die Gegner des neuen Gesetzes
auf eine staatlich geförderte wissenschaftliche Studie. Sie hatte
zum Ergebnis, dass es während der sogenannten
Erprobungsphase vor der gesetzlichen Regelung der aktiven Sterbehilfe jährlich
1.000 Fälle gab, in denen, ich
zitiere, "lebensbeendende Handlungen ohne ausdrücklichen Wunsch" des
Getöteten vorgenommen
worden sind.
Auch das sollte man sich vor Augen führen, wenn man über aktive
Sterbehilfe spricht.
XIII.
Wenn ich es recht sehe, sind deshalb so viele Menschen für aktive
Sterbehilfe, weil sie große Angst davor haben,
am Ende ihres Lebens Leid und Schmerzen nicht mehr auszuhalten, ihnen hilflos
ausgeliefert zu sein. Sie haben
Angst davor, alleingelassen zu sein oder anderen zur Last zu fallen. Sie
haben Angst davor, Schmerzen nicht mehr
ertragen zu können und würdelos dahinzusiechen.
Ich verstehe diese Angst gut. Ich habe sie auch.
Die aktive Sterbehilfe ist aber nicht die einzig mögliche Antwort
auf diese verständliche Verzweiflung.
Ja, wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Wir
müssen wieder lernen: Es gibt viele
Möglichkeiten, sterbenskranken Menschen beizustehen, sie zu trösten
und ihnen zu helfen. Oft ist schon
entscheidend, sie nicht allein zu lassen.
Die wirksamste medizinische Hilfe ist in vielen Fällen eine gute Schmerztherapie.
Mich hat tief beeindruckt, was
neulich einer der Pioniere der deutschen Schmerztherapie, Prof. Eberhard
Klaschik, in einem Interview dazu sagte:
"Ich behandele seit fast 20 Jahren Patienten, die nicht heilbar sind. Viele,
die zu uns kommen, sagen: So kann ich
nicht mehr leben, so will ich nicht mehr leben, die Schmerzen sind zu groß
[...]. All diesen Patienten haben
wir helfen können."
Viele Ärzte bestätigen diese Erfahrung. Wenn das so ist, dann
ist der Streit um die aktive Sterbehilfe die falsche
Debatte. Wir können und wir müssen viel mehr als bisher für
die Schmerztherapie tun. Das ist ein Feld, das lange
Zeit sträflich vernachlässigt worden ist. Ich wünsche mir,
dass Deutschland bei der Schmerzforschung und bei der
Schmerztherapie so schnell wie möglich vorbildlich wird. Das ist nun
wirklich zutiefst human und ist im Interesse
eines jeden von uns.
Der Blick in die Niederlande oder auch nach Großbritannien und in
andere Länder zeigt: Über den Umgang mit dem
Leben und mit den Möglichkeiten des medizinischen Fortschritts wird
derzeit überall intensiv und mit großem
Ernst diskutiert. Zum Teil werden bisher geltende Grundsätze tiefgreifend
verändert. Niemand macht sich
die Entscheidungen leicht.
Ich hielte es für gut, wenn wir uns, in dem Maße wie Europa
weiter zusammenwächst und wie wir uns unserer
gemeinsamen Werte versichern, in Zukunft stärker auch über diese
Fragen austauschen würden.
XIV.
Eugenik, Euthanasie und Selektion: Das sind Begriffe, die in Deutschland
mit schlimmen Erinnerungen verbunden
sind. Sie rufen deshalb - zu Recht - emotionale Abwehr hervor. Trotzdem
halte ich das Argument für ganz falsch
und irreführend, wir Deutsche dürften bestimmte Dinge wegen unserer
Geschichte nicht tun. Wenn wir etwas für
unethisch und unmoralisch halten, dann deshalb, weil es immer und überall
unethisch und unmoralisch ist. In
fundamentalen ethischen Fragen gibt es keine Geografie des Erlaubten oder
des Unerlaubten.
Richtig ist: Die Erfahrung, die wir mit dem Nationalsozialismus gemacht
haben, speziell mit Forschung
und Wissenschaft im Dritten Reich, muss für die ethische Urteilsfindung
- nicht nur bei uns - eine ganz wichtige
Rolle spielen. Wir erinnern daran nicht, weil wir moralischer sein wollen
als alle anderen. Nein, es geht nicht um
deutsche Sondermoral.
Niemand darf vergessen, was damals auch in Wissenschaft und Forschung geschehen
ist.
Entwicklungen, die schon vor 1933 und auch in anderen Ländern begonnen
hatten, konnten dann ohne jede
Grenze weiter gehen. Eine entfesselte Wissenschaft forschte - um ihrer
wissenschaftlichen Ziele willen - ohne
moralische Skrupel.
Ich erinnere immer wieder daran, dass die Geschichte uns hilft - nicht
nur uns Deutschen - zu begreifen, was
geschieht, wenn Maßstäbe verrückt werden, wenn Menschen
vom Subjekt zum Objekt gemacht werden. Wer
einmal anfängt, menschliches Leben zu instrumentalisieren, wer anfängt,
zwischen lebenswert
und lebensunwert zu unterscheiden, der ist in Wirklichkeit auf einer Bahn
ohne Halt.
Die Erinnerung daran ist ein immerwährender Appell:
Nichts darf über die Würde des einzelnen Menschen gestellt werden.
Sein Recht auf Freiheit, auf
Selbstbestimmung und auf Achtung seiner Würde darf keinem Zweck geopfert
werden. Eine Ethik, die auf diesen
Grundsätzen beruht, gibt es freilich nicht umsonst. Es hat einen Preis,
wenn wir nach ethischen Grundsätzen
handeln.
XV.
Weil es hier im wahrsten Sinne des Wortes um existenzielle Fragen geht,
muss ganz besonders gelten:
Wenn wir begründete Zweifel haben, ob wir etwas technisch Mögliches
tun dürfen oder nicht, dann muss es
so lange verboten sein, bis alle begründeten Zweifel ausgeräumt
sind.
Ich kenne den Satz: "Die Anderen tun es doch auch". Aber wir sagen doch
schon unseren Kindern, dass sie tun
müssen, was richtig ist, ganz gleich, was andere machen. Und wir akzeptieren
dieses Argument ja auch nicht im
Falle von Kinderarbeit, von Sklaverei oder bei der Todesstrafe.
Das gleiche gilt für das ähnliche Argument: "Wenn wir es nicht
tun, dann tun es die Anderen". Dieses Argument ist
Ausdruck ethischer Kapitulation. Es scheint allerdings dann besonders stichhaltig
zu sein, wenn es ökonomisch
aufgeladen wird: Wenn wir dies und jenes nicht tun, dann tun es andere
- und die setzen sich dann an die Spitze
des Fortschritts, die verschaffen sich Standortvorteile, die verdrängen
uns vom Markt.
Mit diesem Argument müssten wir zum Beispiel auch unbegrenzten Rüstungsexport
betreiben. Das tun wir aber
nicht. Zu Recht - und letztlich auch nicht zu unserem Schaden.
Ich wiederhole: Ökonomische Interessen sind legitim und wichtig. Sie
können aber nicht gegen die Menschenwürde
und den Schutz des Lebens aufgewogen werden. Wer den Schutz des Lebens
an seinem Beginn aufgibt, der wird
das bald auch für das Ende des Lebens geltend machen können.
Dann wird vielleicht gefragt: Können wir uns den
hohen Pflegeaufwand am Ende des Lebens leisten? Wäre es nicht ökonomisch
vernünftiger, Alte und Kranke
willigten rechtzeitig in die Sterbehilfe ein?
Ich weiß, dass niemand so etwas vorschlägt. Aber wir alle wissen
auch, dass beste Absichten oft nicht verhindern
können, dass schließlich geschieht, was anfangs niemand wollte.
Und ich weiß auch, dass schon heute alte Menschen sich solchen Fragen
drangvoll ausgesetzt fühlen.
XVI.
Die Fortschritte in den Lebenswissenschaften wecken zum Glück auch
die berechtigte Hoffnung, dass wir vieles
verbessern können. Wir alle wünschen uns, dass Krankheiten immer
genauer erforscht und immer wirksamer
behandelt werden können. Gentechnik und Genomforschung spielen dabei
eine wichtige Rolle.
Ja, ich bin zuversichtlich: vieles wird besser werden. Aber glauben wir
nicht den falschen Propheten, die uns sagen:
alles wird gut.
Gegen alle Heilsversprechungen und gegen alle Ohnmachtsgefühle sage
ich: Fortschritt nach
menschlichem Maß kennt seinen Wert und weiß um seine Werte.
Das Gegenteil von unbegrenztem Fortschritt ist
nicht Stillstand oder Rückschritt. Wer gegen einen Fortschritt um
jeden Preis plädiert, der ist kein Gegner des
Fortschritts.
Um unserer Freiheit willen müssen wir fragen: Was von den vielen neuen
Möglichkeiten ist gut? Was müssen wir
unbedingt versuchen? Was dürfen wir keinesfalls tun?
Unser Umgang mit diesen Fragen muss geprägt sein vom Respekt vor dem
Leben von Anfang an. Die Würde des
Menschen lässt sich gegen keinen anderen Wert aufrechnen.
Das Leben erinnert uns immer wieder daran, dass wir Menschen - bei allem
Fortschritt - immer endliche Wesen
bleiben.
Wenn wir so tun, als seien unsere Möglichkeiten grenzenlos, überfordern
wir uns selber. Dann verlieren wir
das menschliche Maß.
XVII.
Die Fragen nach Leben und Sterben betreffen uns alle. Darum dürfen
sie nicht allein die Sache von Experten sein.
Wir können unsere Antworten nicht delegieren: Nicht an die Wissenschaft,
nicht an Kommissionen und nicht an
Räte. Sie können uns gewiss helfen, aber wir müssen die
Antworten selber geben. Wir müssen über diese Fragen
streiten und dann gemeinsam entscheiden.
Es geht um politische Entscheidungen. Wer die Entscheidungen über
das, was gemacht werden soll, der
Wissenschaft überlassen will, der verwechselt die Aufgaben von Wissenschaft
und Politik in einem
demokratischen Rechtsstaat.
Wir brauchen eine fundierte und gewissenhafte öffentliche Diskussion,
in der nichts unausgesprochen bleibt: Weder
die Absichten noch die Ziele, weder die Hoffnungen noch die Ängste,
die sich mit den neuen Möglichkeiten
verbinden.
Wir brauchen Aufklärung im besten Sinn des Wortes. Aufklärung
richtet sich gleichermaßen gegen irrationale
Ängste und apokalyptische Vorstellungen wie gegen pure technische
Machbarkeitsphantasien.
Wir müssen uns gemeinsam immer wieder neu darauf verständigen,
welche Richtung wir dem Fortschritt geben
wollen.
Wir müssen immer wieder neu entscheiden, welche Grenzen wir überschreiten
und welche Grenzen wir
akzeptieren wollen.
Wir müssen immer wieder wägen und entscheiden, welche Möglichkeiten
unser Leben wirklich freier machen und
welche Möglichkeiten uns bloß neuen Zwängen unterwerfen
oder gar in das Leben anderer eingreifen.
Die Zukunft ist offen.
Sie ist kein unentrinnbares Schicksal und kein Verhängnis. Sie kommt
nicht einfach über uns.
Wir können sie gestalten - mit dem, was wir tun und mit dem, was wir
nicht tun.
Wir haben viele, wir haben große Möglichkeiten.
Nutzen wir sie für einen Fortschritt und für ein Leben nach menschlichem
Maß.